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Vor 100 Jahren: Ein Tornado auf den Jurahöhen schlägt die Täufer-Gemeinschaft hart

Publiziert am
9. Juni 2026
von
Judith Wipfler
Am 12. Juni 1926 zog ein verheerender Tornado über den Neuenburger und Berner Jura

Am 12. Juni 1926 fegte auf einer Länge von 23km ein Wirbelsturm über die Jurahöhen. Innert zwanzig Minuten säbelte der Tornado unzählige Bäume ab, beschädigte 246 Bauernhöfe schwer, tötete Kühe und Pferde. – Ein Kind kommt ums Leben.

Der achtjährige Fernand-Alfred Gerber wurde damals so schwer verletzt, dass er wenig später seinen Verletzungen erlag. –

Diesen verheerenden Tornado erinnern die Menschen auf den Jurahöhen bis heute nur als «den Zyklon», respektive als «Le Cyclone», wenngleich das in heutiger meteorologischer Definition der falsche Begriff ist.

(Ein «Zyklon» ist ein tropischer Wirbelsturm; er dauert länger und kann noch viel grösser werden als ein Tornado. Tornados entstehen über dem Festland, brauchen aber auch nur wenige Minuten, um Verwüstung anzurichten.)  

Der Wirbelsturm von 1926 fegte vom Département Doubs in Frankreich kommend über den Neuenburger und Berner Jura, und richtete insbesondere in der Gegend um La-Chaux-de-Fonds und La Ferrière Unheil an. So waren auch La Chaux-d’Abel und La Chaux-des-Breuleux mit vielen täuferischen Höfen, mit Schule und Kapelle stark betroffen. Ebenso hart getroffen wurden Täufergebiete im Neuenburger Jura nördlich von La Chaux-de-Fonds, genauer: von Les Bulles / Valanvron.

Das zeigen die Bilder in der kleinen Sonderausstellung, die Nelly Gerber-Geiser von der Stiftung Täufererbe in Jeanguisboden eingerichtet hat. Von dort stammen auch die Abbildungen in diesem Blog.

Katastrophentourismus schon vor 100 Jahren

Das Ereignis ist medial erstaunlich gut dokumentiert: Es gibt zahlreiche Fotografien davon, die als Postkarten gedruckt und verbreitet wurden, ferner Zeitungsberichte und sogar eine kurze Stummfilmsequenz. Der 50 Sekunden kurze Film wurde 5 Tage danach aufgezeichnet und trägt den Titel:

« Le Cyclone – quelques vues du désastre »

Schon damals – kurz nach dem Ereignis – kamen Schaulustige teils mit Autos von weit hierher, um die verwüstete Region zu besichtigen und Fotos zu machen. Das kurbelte dann aber auch die Hilfsbereitschaft an, über Kantons- und Landesgrenzen hinweg.

Das damalige Hauptorgan der Schweizer Täufergemeinden, «Der Zionspilger», berichtete über das Wetterereignis, das die Höfe so vieler Täufer-Bauern zerstört hatte. Laut Zionspilger zerriss es besonders den «Hausvätern das Herz», ihre jahrzehntelange Arbeit innert weniger Minuten zerstört zu sehen. Sie waren im wahrsten Wortsinn ruiniert.

Foto aus der Collection Maeder & Studer, Biel

Die Täufer solidarisieren und stützen sich durch «Liebesgaben»

Der Zionspilger rief zur «Liebesgabensammlung für die Wettergeschädigten im Jura» auf und verdankte die Zuwendungen minutiös in den Folgenummern des Blattes, direkt über den wichtigen Versammlungsdaten:

Mehrere hundert Dächer muss der Tornado 1926 abgedeckt haben. Das Schweizer Sturmarchiv beziffert den Gesamtschaden mit 3-4 Millionen Franken, was heute 10 Millionen Schweizer Franken entspräche.

Beispielsweise nur wurde auch das Täufer-Schulhaus von La Chaux-d’Abel stark in Mitleidenschaft gezogen. Dank der Erinnerungen des Schulleiters können wir noch heute erahnen, wie sich das Hereinbrechen des Wirbelsturms für die Menschen angefühlt haben muss.

Das Foto zeigt die abgedeckten Dächer und den Grad der Zerstörung am Schulhaus von La Chaux-d’Abel sowie der Kapelle rechts im Hintergrund. – Diese Schule war eminent wichtig: nicht nur für die Grundbildung, sondern auch für die Identität der damals noch mehrheitlich deutschsprachigen Täuferfamilien.

Schulleiter Loosli bedeckt sich mit Bienen und überlebt

Von Ernst O. Loosli, dem Sohn des damaligen Schulleiters und Predigers Gottfried Loosli, stammt ein gehaltvoller Bericht der Schul-Geschichte, welcher auch einige Seiten über den Tornado von 1926 enthält:

«Mein Vater überstand diese Unbill im Bienenhaus, (…). Mit Wärmekissen seiner Bienenvölker schützte er sein Gesicht vor herumfliegenden Glassplittern und Holzteilen. Meine Mutter erkannte die Gefahr auch. Mit mir an der Hand und mit meinem kaum halbjährigen Brüderchen Arthur auf dem Arm floh sie hinunter in den Gewölbekeller. Dort wartete sie mit Bangen und Hoffen auf das Abflauen des Sturmes und auf ein Lebenszeichen meines Vaters.» MH 21 / 22 (1998 / 99), S. 127-129.

Ernst O. Loosli notiert ebendort auch, wie dank der Versicherungsgelder und vieler Spenden aus der «grossartigen Hilfsaktion» der Täufergemeinschaft die Schule bald wieder aufgebaut und sogar noch besser ausgestattet werden konnte als vor dem Tornado.

Aufruf: Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen an «den Zyklon»!

Wir suchen weitere persönliche Zeugnisse über dieses Jahrhundertereignis. Finden Sie Aufzeichnungen darüber in ihren Familien? Vielleicht Tagebucheinträge Ihrer Gross- und Urgrosseltern? Hat jemand noch eine Predigt, ein Gebet oder eine Andacht aus jener Zeit aufbewahrt? – Wir von der Redaktion MH bitten Sie, einmal in ihren Familienarchiven zu graben. Senden Sie uns den Bericht über Ihre Funde gern an unsere Email Judith.Wipfler@mennonitica.ch oder an die Postanschrift: Schweizerischer Verein für Täufergeschichte, Bienenberg 85a, CH-4410 Liestal.

Noch bis am 1. November zeigt die Stiftung Täufererbe in Jeanguisboden eine kleine Sonderausstellung zum «Zyklon». Nelly Gerber-Geiser hat diese aufgebaut. Kontakt und Informationen finden Sie hier: https://fha-ste.ch/de/neue-ausstellung-auf-dem-jeanguisboden-vom-9-mai-bis-1-november-2026/.

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