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Film-Besprechung: «American Yodel – Schweizer Spuren im Amisch-Land» RTS / SRF

Publiziert am
25. Januar 2026
von
Nathanaël Weber
Bild von RTS

Von Dr. h.c. theol. Judith Wipfler, SVTG-Vorstandsmitglied

Mit einer jodelnden Gurke aus Plastik feiern US-amerikanische Nachfahren Schweizer Auswanderer ihr Schweizertum. Besucht werden Berne in Indiana, Zurich in Kansas oder auch Winterthur in Delaware. Dann wechselt die Stimmung, als es ins amische Kidron nach Ohio geht.

Die Folklore eingangs ist rasant inszeniert. Sie amüsiert, auch weil sie liebenswürdig ironisiert gezeigt wird, nicht bös. In gelungen schneller Schnitt-Collage nähern sich die Dok-Filmmacherinnen doch langsam der überaus diversen täuferischen Community in Nordamerika an. So «klärt» ein Fussballmatch den Unterschied zwischen Mennoniten und Amischen neuer und alter Ordnung. Wobei die Amischen den Ball vorn haben, – wer hätte das gedacht.

Filmemacher Tristan Miquel und seine Kamerafrau Fanny Reynaud geben sich ganz hinein in ihren Film. Ihr Türöffner in die teils verschlossenen Amisch-Gemeinden ist Jacques Légeret, ein betagter Westschweizer Täuferinteressierter und Vater eines schwerstbehinderten Sohnes. Sein Sohn starb kurz vor dem Dreh in Amerika. Hier wird es tief.

Was unbedingte Nächstenliebe ist, Gewaltfreiheit, starke Gemeinschaft – das zeigt das Filmteam nun ganz nah und ganz zart.

«American Yodel» ist ein unkonventioneller und überraschender Dokumentarfilm. Er lässt mitlachen und mitweinen. Als Film überzeugt er mich als Medienfrau ebenso wie als Theologin, von Detailschwächen abgesehen. Aber: «Verhebt» er auch inhaltlich historisch? Das frage ich den Historiker Nathanaël Weber, Präsident des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte.

 

JW: Welches Prädikat geben Sie dem Film «American Yodel»?

NW: Kunterbunt, tiefgehend bis oberflächlich, teils naiv und leider in einzelnen Szenen auch etwas respektlos.

 

JW: Kann man Täufertum humorvoll darstellen, ohne es zu verunglimpfen? Gelingt das diesem Dok-Film?

NW: Grundsätzlich können Humor und Täufertum durchaus zusammengehen. Ich habe viele Menschen mit täuferischen Glaubensüberzeugungen kennengelernt, die viel Humor besitzen – sogar in Bezug auf das Täufertum selbst. Im vorliegenden Film gibt es aber leider durchaus einige taktlose Sequenzen, etwa wenn wiederholt versucht wird, die Gesichter von Amischen zu filmen, auch wenn bestens bekannt ist, dass diese Film und Foto (besonders ihrer Gesichter) aus Glaubensgründen ablehnen.

 

JW: Das TV-Team unternimmt eine Reise tief ins Innere der nordamerikanischen Täufergesellschaft, vor allem der Amischen. Dabei passiert etwas, das Ethnologen auch immer wieder passiert: die Besucher verlieren (scheinbar?) die Distanz und werden Teil der Gemeinschaft, – so zeigt das Schlussbild die beiden RTS-Filmschaffenden in amischer Kleidung. Ist das zu viel «Aneignung» oder schlicht «total liebenswürdig»?

NW: Weder noch. Es zeigt sich damit vielmehr, dass Amische als exotisch, als Kuriosität betrachtet werden. Es ist die Faszination am Fremden, die sich in diesen Bildern manifestiert. Das Problem dabei: Werden Menschen als exotisch, kurios oder andersartig betrachtet – oder gar beobachtet – so ist der Schritt zu ihrer Objektivierung nicht mehr gross. Ich möchte diesbezüglich festhalten, dass Amische dieselben menschlichen Freuden und Leiden haben wie Menschen in der Mehrheitsgesellschaft. Sie pflegen aus Glaubensüberzeugungen lediglich andere Gewohnheiten als diese.

Aber vielleicht gehen meine kritischen Überlegungen auch zu weit und die Filmemacher haben vorliegend ein Produkt im «youtube-Genre» produziert, in welchem sie sowieso selbst zu den Hauptdarstellern gehören. Dies nimmt zwar dem Film einen Teil des dokumentarischen Wertes, macht aber eine solche Szene auch weniger problematisch.

 

JW: Finden Sie die Darstellung der Mennoniten im Kontrast zu den Amischen fair? Ich bekam ein wenig Stirnrunzeln, ob die Amischen nicht doch wieder gar verklärt werden gegenüber den – wie soll ich sagen – «realpolitischeren» Mennoniten.

NW: Die zwei täuferischen Gruppierungen der Mennoniten und der Amischen gibt es in vielen Ausprägungen. Sie organisieren sich meist auf Stufe der lokalen, religiösen Gemeinde. Es gibt Gruppen, welche sich als Mennoniten bezeichnen und von der äusserlichen Erscheinung und der Lebensweise her kaum von Amischen zu unterscheiden sind. Andere (wie die im Film gezeigten Mennoniten) unterscheiden sich zumindest von der Kleidung her kaum von der allgemeinen Gesellschaft. Auch amische Gruppen unterscheiden sich stark. Im Film wurde – entgegen anderslautender Behauptung – eine eher weltoffene Gruppe von Amischen besucht. Der dargestellte Kontrast zwischen Mennoniten und Amischen ist somit meines Erachtens wenig aussagekräftig. Interessanter hätte ich es gefunden, wenn die Filmemacher den Kontrast vertieft hätten, weshalb Amische und Mennos im Gegensatz zum allgemeinen Diskurs behinderte Kinder als spezielle Gabe Gottes erachten.

 

JW: Schönheitsfehler hat der kurze Film: Einmal war etwa von «Priester» die Rede (zumindest in der deutschen Übersetzung), was Täufer ja nun dezidiert nie hatten und haben wollten. Oder: Mir hätte noch eine «Fussnote» gefallen beim amischen Ortsnamen Kidron, der ja auf das Kidrontal bei Jerusalem verweist. – Haben Sie gröbere Fachfehler entdeckt?

NW: Da kann ich Sie verstehen. Es gibt im Film etliche Kleinigkeiten. So haben die frühen Täufer im 16. Jahrhundert mit ihrer Wiedertaufe nicht etwa die Staatsbürgerschaft abgelehnt, wie der Interviewpartner behauptet – vielmehr hatte das Aufschieben der Taufe bis ins Erwachsenenalter zur Folge, dass sie keine Mitglieder der Landeskirchen waren und da die Kirchgemeinde und die staatliche Gemeinschaft als deckungsgleich erachtet wurden, gab es Bedenken betreffend die Loyalität gegenüber der Obrigkeit (verstärkt durch die Ablehnung des Schwurs, welche Untertanen in dieser Zeit regelmässig auf ihre Obrigkeit zu leisten hatten).

Auch die Aussage, dass bereits Jakob Ammann die Kleiderregeln festgelegt hat, entspricht nicht den Tatsachen. Die Nachfolger Ammanns, sprich die Amischen, haben sich im 17. Jahrhundert betreffend Kleidung kaum von der sonstigen, ländlichen Bevölkerung unterschieden. Die distinkte Kleidung (als Zeichen der Demut und Einfachheit) wird erst im 19. und dann auch im 20. Jahrhundert wichtig – also lange nach Ammanns Lebzeiten.

Daneben gibt es auch ein, zwei Dinge, die etwas irritieren. Etwa, wenn das schweizerdeutsche Wort «dreckig», welches der mennonitische Bauer benützt, mit «ekelhaft» statt «schmutzig» übersetzt wird.

 

JW: Trotzdem sehenswert?

Wer sich vertieft mit dem Täufertum beschäftigen möchte, sollte sich einen anderen Dokumentarfilm anschauen, etwa den letztes Jahr erschienenen Film «Kinder des Friedens»

Die im Film «American Yodel» zumindest teilweise verarbeitete Geschichte des behinderten Sohnes des Protagonisten Jacques ist hingegen sehenswert. Schade, dass sie erst in der zweiten Hälfte des Films zum Vorschein kommt – sie hätte sich gut als roter Faden für diese Dokumentation geeignet, deren Zielsetzung mir bis zum Schluss nicht ganz klar wurde.

 

JW: Herzlichen Dank fürs Gespräch.

 

Wo Sie den Film finden:

Der 52minütige DOK-Film «American Yodel – Schweizer Spuren im Amisch-Land» ist bis 2. Juni 2026 innerhalb der Schweiz frei zugänglich; in der deutschsprachigen Fassung von SRF finden Sie ihn hier: 

https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/american-yodel—schweizer-spuren-im-amisch-land?urn=urn:srf:video:5047ba46-7499-4608-af8b-d8de464ed4ca

Noch bis 3. März 2026 sehen Sie den Film in der französischsprachigen Originalfassung auf RTS online hier:

https://www.rts.ch/info/culture/cinema/2025/article/road-trip-aux-usa-sur-les-traces-des-anabaptistes-suisses-et-du-yodel-29077922.html

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